STADTKLANGNETZ: Praxismodelle Neuer, Improvisierter und Elektronischer Musik im Unterricht (Konferenz)

Freitag, 31. Oktober, 14:00 bis 19:00 Uhr, Musikhochschule Köln
Samstag, 1. November 2008, 10:00 bis 19:00 Uhr, Musikhochschule Köln


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"Für eine erfolgreiche Verbindung von Schule und Kunst muss sich die Institution Schule künstlerischen Prozessen öffnen - diese sind nicht immer vorhersehbar, nicht eindeutig, sondern vieldeutig", meint Prof. Dr. Hans Schneider. Schneider, der an der Hochschule für Musik Freiburg lehrt und Initiator der österreichischen KLANGNETZE war, ist einer der Referenten, die bei der zweiten >StadtKlangNetz< Konferenz in Köln das Spannungsfeld Schule versus Kunst beleuchten. Die Veranstaltung richtet sich an Lehrer, Studenten, Musiker und Musikpädagogen. Während im Hauptstrang der Konferenz Unterrichtsmodelle und Projekte aus der Praxis reflektiert werden, die sich Neuer, Improvisierter und Elektronischer Musik in der Schule widmen, besteht der zweite Strang aus konkreten Handreichungen zur Projektkonzeption und -finanzierung. Ein Kurs zu Musiksoftware im Unterricht richtet sich an Einsteiger ohne Computerkenntnisse, eine weitere Fortbildung vertieft das Thema UNERHÖRTE TÖNE IN DER SCHULE.

Ihre Teilnahme an der Konferenz zugesagt haben u.a. Prof. Hans Schneider (Hochschule für Musik Freiburg/Initiator "Klangnetze"), Prof. Heinz Geuen (HfM Köln), Prof. Christoph Hempel (Hochschule für Musik und Theater Hannover), Robert Wells ("Connect", Guildhall School of Music & Drama, London), Scott Roller (Musiker/Dozent, Essen), Erwin Stache (Klangkünstler/Dozent, Leipzig), Silke Egeler-Wittmann (AG-Neue Musik am Leininger Gymnasium Grünstadt).




Musik-, Kunst- und Tanzprojekte an Schulen haben zurzeit Hochkonjunktur. Großangelegte Förderprogramme stellen Millionen für Kulturvermittlung in Schulen zur Verfügung. Doch gelingt die Vermittlung wirklich? Wo und wie können diese Projekte Schule verändern und Musik, Kunst und Kultur nachhaltig aufwerten? Als Veranstaltung im Rahmen von "ON - Neue Musik Köln" bildet die >StadtKlangNetz< Konferenz den Auftakt einer Reihe diskursiver Veranstaltungen, die das bundesweite Netzwerk Neue Musik der Kulturstiftung des Bundes reflektierend begleiten.

Ein Projekt im Rahmen von ON -- Neue Musik Köln, gefördert durch Netzwerk Neue Musik, ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes, Stadt Köln und RheinEnergie-Stiftung Kultur.
Veranstalter: Televisor in Zusammenarbeit mit ZAM Zentrum für Aktuelle Musik e.V. Partner: Hochschule für Musik Köln, ON - Neue Musik Köln, Büro für Konzertpädagogik.

Programm: Michael P. Aust, Thomas Gläßer, Achim Tang
Geschäftsführung: Michael P. Aust

Die Teilnahme ist frei, es wird eine Pauschale von 20 Euro/10 Euro
(Studenten + Referendare) für Pausengetränke und Konferenzmaterialien erhoben.
Anmeldung erforderlich per E-Mail an SKN@televisor.de
Ort: Musikhochschule Köln, Dagobertstraße 38, 50668 Köln
Kontakt: Televisor, Tel: 0221 93 18 440, www.stadtklangnetz.de


Prof. Hans Schneider (Hochschule für Musik Freiburg, Initiator der "Klangnetze"), einer der Gäste der Kölner StadtKlangNetz-Konferenz, im Interview:

Wie schätzen Sie den derzeitigen Hype um kulturpädagogische Projekte ein?
Die vielen Aktivitäten auf kulturpädagogischer Ebene sind selbstverständlich zu begrüßen, vor allem deshalb, weil mannigfaltige Aktivitäten entstehen, ausgehend von den unterschiedlichsten kulturellen wie pädagogischen Einrichtungen und mit Blick auf diverseste Personengruppen, im einen Fall mit mehr künstlerischer, im anderen mit mehr pädagogischer Intention. Es ist ein Angebot im Entstehen, das sich gegenseitig befruchten kann und eine Diskussion in Gang gesetzt wird, die sich künstlerisch-ästhetischen und methodisch-didaktischen Fragestellungen widmet. Dies ist die eine, die erfreuliche Seite. Auf der anderen Seite sind natürlich auch Entwicklungen feststellbar, die zu hinterfragen sind. Dies betrifft vor allem das Inhaltliche: oft steht der Akt bzw. die Art der Vermittlung im Vordergrund und nicht das zu Vermittelnde – in diesen Fällen ist dies austauschbar. Oder es wird mit falschen Argumenten für ein Projekt geworben (z. B. das Projekt Der Schrei des SWR-Orchesters Baden-Baden/Freiburg wirbt mit dem Slogan beworben, dass die Pädagogik dabei auf den Kopf gestellt werde und dabei aber in der um Jugendliche werbenden Auftaktveranstaltung Pädagogik-pur in einem einengenden Sinne betrieben wird).

Entstehen hier fruchtbare Synergien zwischen Kunst und Pädagogik?
Wie schon vorhin angedeutet: Natürlich entwickeln sich fruchtbare Synergien – sowohl die Kunst/die KünstlerInnen als auch die Pädagogik/die PädagogenInnen betreffend. Ich denke dabei an Lebenshaltung und –führung, an das vielfältige methodisch-didaktisch Repertoire innerhalb der Pädagogik, an die unterschiedlichen Herangehensweisen an Aufgabenstellungen und Probleme u. Ä.

Kann man mit Schülern künstlerisch arbeiten ohne die Kunst zu pädagogisieren und zu kompromittieren? Welche Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein?
Ein klares Ja, wenn die Pädagogik und die Institution Schule sich künstlerischen Prozessen gegenüber öffnet. Und diese sind nicht immer genau vorhersehbar, oft nicht eindeutig, sondern vieldeutig. D. h. unter anderem, dass diese künstlerischen Arbeitsweisen nicht einer üblichen schulischen Leistungsmessung unterzogen werden können – leider glauben noch viele, dies tun zu müssen –, und dass die üblichen Rahmenbedingungen von Schule (z. B. der 45-Minuten-Takt von Schulstunden) flexibel gehandhabt werden müssen. Aus musikpädagogischer Perspektive ist es im Gegensatz zur Kunstausbildung nicht gegeben, dass die MusikpädagogInnen in ihrer Ausbildung mit dem gegenwärtigen Komponieren und Musikproduzieren konfrontiert werden, sondern immer noch sehr traditionsbezogen und mit dem Schwerpunkt „Reproduktion“ ausgebildet werden. Deswegen ist es fast unabdingbar, dass die MusiklehrerInnen hier von Professionalisten, von KomponistInnen und MusikerInnen unterstützt werden.

Um welche Lernziele sollte es dabei Ihrer Ansicht gehen (z.B. vor dem Hintergrund der Bastianstudie und der verbreiteten Indienstnahme der Musikpädagogik für sozialpädagogische Zwecke)?
An erster Stelle sollten meiner Meinung nach immer künstlerisch-musikalische Lernziele stehen, angefangen von elementaren musikalischen Grundkenntnissen, die bei jeder musikalischen Gestaltung zum Tragen kommen, über Erfahrungen beim gemeinsamen Musikmachen bis zu komplexeren musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten von Musikstücken. Neben diesen Grunderfahrungen von „Wie und warum gegenwärtige Musik“ gemacht wird kann es auch um andere Intentionen gehen (bewusst oder unbewusst, geplant oder nicht geplant – andere Intentionen spielen beim Arbeiten im schulischen/pädagogischen Kontext immer eine Rolle). Ich persönlich verwehre mich gegen eine allgemeine Indienstnahme und die Funktionalisierung der Musik und der Musikpädagogik für „Musik macht intelligenter“, „sozialer“, „humaner“ usw. Natürlich kann sich in bestimmten Kontexten im Verlauf eines Projekts ein außermusikalischer Inhalt zum zentralen Ziel herauskristallisieren oder für eine „Problem“-Gruppe ein Musikprojekt als Hilfsmittel für eine mögliche Lösung oder Hilfestellung dienen: in diesen Fällen sollte dies klar deklariert werden und nicht unter einem Pseudodecknamen durchgeführt werden. Zu bevorzugen sind meiner Meinung nach aber Projekte, bei denen musikalische Inhalte im Zentrum stehen. Und so wie bei jeder gut gelungenen Arbeit mit einer kleineren oder größeren Gruppe gibt es auch unter solchen Voraussetzungen Lernziel orientierte „Nebenschauplätze“ – die manchmal auch ins Zentrum rücken können – wie positive Erfahrungen innerhalb der Gruppe, Gemeinschaftserlebnisse, das Entwickeln von Problemlösungsstrategien, Überwinden von lethargischen Haltungen, Akzeptanz diverser Vorgangs- und Handlungsweisen usw.

Wie hat das Projekt Klangnetze versucht, diese Fragen zu beantworten?
Tja, das ist eine ganz schöne Weile her … Einige Antworten Punkte kann ich dazu aber noch nennen: Im Rahmen des Projekts „Klangnetze“ arbeiteten immer 3er-Teams miteinander (1 Pädagoge/in und 1 Künstlerpaar (im optimalen Fall ein/e KomponistIn und ein/e MusikerIn). Diese wiederum waren eingebunden in eine größere Gruppe von Projektteams, die miteinander auf die Arbeit vorbereitet wurden, sich zum Austausch und zur Endreflexion immer wieder getroffen haben. Dies bedingte eine Diskussionskultur, beginnend schon im Leitungsteam des ganzen Projekts (2-5 Personen) über die Kleingruppe bis zur Großgruppe, die im Laufe der 9 Jahre „Klangnetze“ konsequent entwickelt und gepflegt wurde. Dabei kam diese Problematik immer wieder zur Sprache. Und ein Resultat war: Künstler- und ProfimusikerInnen für Projekte zu engagieren bedeutet, künstlerische Zielsetzungen in den Vordergrund zu stellen. Für sozialpädagogische Intentionen gibt es andere, besser qualifizierte Personen. Trotzdem war es möglich – und dies ist in der Realität auch vorgekommen –, dass im Verlauf eines Projekts der künstlerisch-musikalische Prozess gänzlich in den Hintergrund getreten ist und es der Kontext einfach verlangt hat, dass Außermusikalisches wie Integration, Umgang mit dem Körper oder der Stimme ins Zentrum gerückt ist. Ein Diskussionsthema stand doch immer im Zentrum: Wie beurteilt man von Laien geschaffene künstlerische Produkte und die Prozesse, die dazu geführt haben? Gibt es dafür ästhetische Qualitätskriterien? Auch hier haben wir im Laufe der Jahre viele Erfahrungen gesammelt und aus heutiger Sicht und mit den Erfahrungen, die ich bisher in anderen Kontexten gemacht habe, kann ich sagen, dass dies – das ästhetische Urteil, die Kritikfähigkeit und die Kritikakzeptanz –besonders schwer ist, aber existenziell notwendig, damit diese Art der Auseinandersetzung mit Kunst im pädagogischen Kontext sich auch weiter entwickeln kann und ihre Daseinsberechtigung erhält.